Barfuß (Stories from Therapy)

 

nature bird red winter

Ich sage, dass du mich nicht anschreien sollst, du schreist: „Es ist nicht meine Schuld!“ Ich denke, dass die Gräser grün und saftig aussehen und ich wünschte, du könntest sehen, wie wunderschön und blau der Himmel ist, fühlen, dass die Gräser meine Füße kitzeln, so sehr, dass sie pieken, dass sie manchmal weh tun, obwohl ich das gut finde, schreist du: „Es ist nicht meine Schuld, dass das Gras in deine Füße sticht, warum ziehst du keine Schuhe an?!“

Früher gingen wir oft in die Berge. Du: Groß, mit schweren Stiefeln und einem Panzer gegen die Witterung. Ich: Leicht, barfuß, mit dünner Haut. Ich liebte dieses Gefühl, den Wind so sehr spüren zu können, dass ich fast weggeweht wurde, er an den luftigen Kleidern zerrte, am langen Haar. Es war stets ein gefährliches Spiel, doch es war ein Spiel, das mich lebendig machte und so, wie Motten vom Licht angezogen werden, wollte ich leben, auch wenn es mich verletzte, auch wenn ich so sehr an dich gebunden war und du dich immer schützen musstest, mich schützen musstest, ohne zu merken, dass du uns beide erdrücktest.

Es war ein Spiel, bei dem jeder Schritt zu einem Balanceakt wurde, präzise gesetzt werden musste. Es durfte keine Fehler geben, ich musste stets den perfekten Grad an Leichtigkeit finden, bevor die Füße den Boden verloren, obwohl ich mir insgeheim genau das manchmal wünschte und ich spürte, dass ich manchmal ein klein wenig abhob, bevor jemand mich zurück nach unten ziehen konnte, ich wünschte mir oft, dieser jemand wärst du gewesen. Doch das warst du nie und dafür liebte und hasste ich dich zugleich. Ich wollte deine Worte nicht mehr hören, denn du hast einmal gelogen, als es darauf ankam und ich weiß nicht mehr, wie ich mein Vertrauen zurückerlangen kann.

Manchmal denke ich, dass ich auch gern einfach schreien würde, so wie du. Doch dann begreife ich, dass ich niemals die richtigen Worte finden kann. Dass ich im Grunde nie wissen werde, was genau ich eigentlich sagen wollte. Der Schrei bleibt mir im Halse stecken und es wäre besser, er würde sich dort nicht festsetzen. Er findet keine Gestalt und ich wünschte, du würdest nicht immer schreien, denn der Schrei würgt mich und ich finde meinen Atem nicht.

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