Das Tor zur Freiheit (Stories from Therapy)

Das Mädchen wusste immer, dass es eines Tages laufen würde. Nicht so, wie man läuft, wenn man eine morgendliche Joggingrunde im Park dreht. Auch nicht so, wie man läuft, wenn man verschlafen hätte und rechtzeitig zum Zug kommen müsste. Eher so, als wäre man im Zoo versehentlich in den Löwenkäfig gefallen und müsste nun den ausgehungerten Raubtieren entkommen, wobei sich der Löwenkäfig endlos ausdehnen würde, als müsste man sich für immer mit ganzer Kraft bergauf gegen den Felsbrocken stemmen, um nicht überrollt zu werden, ohne je den Tod überlistet zu haben. Es wusste, dass der Tag des schicksalhaften Laufes kommen würde, an dem das Herz so heftig schlagen wird, dass es beinah aus der Brust springt, die Lungen brennen, der Magen rebelliert, jeder Muskel, jede Sehne, jeder Knochen, jede Zelle bereit, bis zum Äußersten zu gehen.

Diese prophetische Flucht war etwas, worauf sich der schlanke Körper des Mädchens seit Jahren vorbereitete. Die Füße hatten bereits in der Kindheit gelernt, sich leise und unbemerkt durch den Raum zu schleichen, ohne ein störendes Geräusch von sich zu geben. Die leicht fahrig umherschauen Augen waren es gewöhnt, auch jede kleine Bewegung sofort zu registrieren und über die meist stumm zusammengepressten Lippen kam selten ein unbedachtes Wort. Der ganze Körper war jederzeit zur Flucht bereit, es fehlte nur das Zeichen, dass der Tag gekommen war, an dem sich all die angestaute Energie entladen würde und das Mädchen endlich wissen würde, dass sie einen Sinn gehabt haben, all die Jahre des Wartens, der Angst und der Entbehrungen.

Oft hatte es das Gefühl, dass der Raum im Inneren sehr eng wurde. Manchmal kam es ihm vor, als sei es der Raum, den es schon als Kind bewohnt hatte, der sich einfach geweigert hatte, sich auszudehnen. All die Pakete von Eindrücken und Anforderungen, die tagtäglich hinzukamen, mussten irgendwo verstaut werden. So verbrachte es die meiste Zeit des Tages damit, zu stapeln, zu sortieren, und ohne Rücksicht auf Verluste in die Ecken zu quetschen, sodass der Raum immer voller und verworrener wurde und es keine Luft zum Atmen hatte. Wenn es ans Meer dachte, dann spürte das Mädchen eine kühle Brise und ein Lächeln auf dem müden Gesicht, doch oft gab es keinen Platz mehr zum Träumen und keine Kraft mehr zum Lächeln.

Das Mädchen liegt auf dem Rücken, den Blick an die Decke geheftet, als würde es dort Dinge sehen, die nur ihm allein gehören. Es hört die Vögel vor dem Fenster zwitschern, die in den frühen Morgenstunden langsam erwachen. Es zieht etwas am Herzen und das Mädchen verlässt das Bett ohne sich umzudrehen. Der Boden ist kalt unter den bloßen Füßen, doch das macht nichts, denn im Inneren ist es kälter als in der sibirischen Tundra im tiefsten Winter, doch das wäre mehr als nur ein Gefühl.

Manchmal scheint die Sonne so hell ins Gesicht, dass man vergisst, dass es Nacht war. Der Kopf ist voll, die Zeit rennt und die Nacht verwandelt sich in einen zersplitterten Mond. Man schaut die Welle an, auf der man reitet und denkt nicht an den Aufprall, solange man oben ist.

Das Mädchen geht langsam zur Tür, jeder Schritt ein Seiltanz und zum ersten Mal seit langer Zeit berühren die müden Hände die verstaubte Türklinke. Das Mädchen zieht daran, voller Erwartungen. Die Tür ist verschlossen.

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2 Antworten auf „Das Tor zur Freiheit (Stories from Therapy)

  1. Hallo
    Wenn ich darf, würde ich Dir gerne eine Frage zu der Geschichte stellen:
    Hast Du die Tür mal gefragt, warum sie verschlossen ist?
    (Ich weiß, mit Türen kann man eigentlich nicht reden – aber mit einer Tür im Inneren würde ich es mal versuchen. 😉
    Solltest Du mit einer/m Therapeutin/en an diesem Thema arbeiten, könntest Du auch diese/n vorher Fragen, was sie/er davon hält. (Wegen: „Stories from…“)
    (Meine Frage kommt nur aus eigener Erfahrung – ich bin kein Fachmann.)
    Liebe Grüße
    🤗

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Ankordanz. 🙂
      Vielen Dank für deinen netten Kommentar! Natürlich darfst du eine Frage stellen.
      In der Tat arbeite ich mit einer Therapeutin an dem Thema, mittlerweile habe ich auch so einige Erklärungsansätze gefunden. So ganz konkret möchte ich das hier im Internet aber nicht teilen. Die Tür im Inneren zu fragen, das ist allerdings ein spannender Ansatz und ich werde das bei Gelegenheit ausprobieren.
      Vielen Dank.
      Liebe Grüße 🙂

      Gefällt 1 Person

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