Der weiße Schrank: Erzählung (Stories from Therapy)

Solange ich mich erinnern kann, steht in meiner Küche ein großer, weißer Schrank. Ich glaube, dass ihn mir einmal jemand geschenkt hat, traue jedoch der Erinnerung im Allgemeinen recht wenig. In diesem Schrank sind allerlei nützliche Dinge untergebracht – Hausrat, Essensvorräte, Küchengeräte. Ich hielt mich immer für einen ordentlichen Menschen und so sorgte ich stets dafür, dass auch in meinem Küchenschrank alles in bester Ordnung war. Jeder Gegenstand hatte seinen Platz und auch die weiß lackierte Oberfläche wurde in angemessener Regelmäßigkeit mit Holzpolitur zum Glänzen gebracht. Nur das oberste Fach bereitete mir einige Sorgen. Dort bewahrte ich eine Vielzahl verschiedener Brotdosen auf, die aufgrund der unterschiedlichen Größen und Formen immer ein wenig durcheinander gestapelt waren. Da meine Brotdosen-Sammlung recht klein war, sodass genügend Platz zum Stapeln vorhanden war, machte ich mir zunächst keine großen Gedanken darüber. Dies sollte mir noch zum Verhängnis werden, aber dazu komme ich später.

Alles begann damit, dass ich, ohne das es mir konkret aufgefallen war, damit anfing, mehr und mehr Brotdosen anzuhäufen. Im Nachhinein glaube ich nicht, dass es einen speziellen Auslöser dafür gab, zumindest keinen bewussten. Vielmehr handelte es sich um einen schleichenden Prozess des steten Akkumulierens. Früher hatte ich mir um das Vorhandensein der Brotdosen nie Gedanken gemacht; sie waren immer einfach da. Jedenfalls fand ich mich eines Tages vor meinem Küchenschrank stehend, schon auf dem Sprung, als mir auffiel, dass ich eine leichtsinnig geringe Anzahl an Büchsen besaß. Würde einmal eine kaputt gehen, gestohlen werden oder anderweitig verloren gehen, bestand die Gefahr, dass ich in die unbequeme Lage kommen könnte, kein Behältnis für mein Pausenbrot zu besitzen. Ich beschloss also, nach der Arbeit ein weiteres Exemplar zu erstehen. Gesagt, getan.

Es vergingen Jahre, in denen meine Gedanken anderweitig okkupiert wurden. Ohne meine Aufmerksamkeit wuchs die Anzahl der Brotbüchsen langsam aber stetig. Das hatte ganz verschiedene Gründe. Ab und zu kaufte ich mir selbst eine, wurde zu Tupperparties eingeladen oder entferntere Bekannte schenkten sie mir in Ermangelung besserer Ideen zum Geburtstag. Das Schrankfach wurde voller und voller, bald war es fast unmöglich, sich noch zurechtzufinden. Ich hätte die Brotdosen herausnehmen und ordnen sollen, eigentlich war ich ja ein ordentlicher Mensch, doch aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund tat ich es nicht. Stattdessen begann ich damit – und derartiges Verhalten liegt mir wirklich nicht nahe! – das Fach nur einen Spalt zu öffnen, schnell eine der vorderen Büchsen herauszunehmen oder hineinzuquetschen und dann den Schrank schnell wieder zu schließen, um zu verhindern, dass der Inhalt mir auf den Kopf fiel. Später wurde ich gefragt, ob ich damals bereits geahnt hatte, dass die Dinge so eskalieren würden.

Nach einiger Zeit bemerkte ich, immer wenn ich den Schrank öffnete, einen unangenehmen Verwesungsgeruch. Ich hatte wohl vor Monaten gedankenlos einige Essensreste in einer Brotdose vergessen. Der Geruch begann, mir Angst zu machen. Ich wusste, ich hatte nicht die innere Stärke, um mich durch die Vielzahl der ungeordnet durcheinandergeworfenen Brotbüchsen zu wühlen, um die Ursache zu finden. Ich fürchtete mich vor dem Ungetüm aus Keimen und Schimmelpilzen, das ich am Ende vermutlich finden würde. Womöglich war auch eine Ratte oder ein anderes kleines Tier von dem Chaos erschlagen worden und verrottete nun langsam zwischen bunten Tupperdosen, Deckeln und Klippverschlüssen.

Jedes mal, wenn ich wusste, ich würde den Schrank öffnen müssen, brach mir kalter Schweiß aus. Ich hoffte, der Geruch würde mit der Zeit von selbst verfliegen, doch stattdessen wurde er schlimmer und schlimmer. Bald vermied ich es, andere Fächer des Schrankes zu öffnen, aus Angst, der unheilverkündende Gestank hätte sich weiter ausgebreitet. Ich wachte schweißgebadet auf, den grausigen Geruch in der Nase, nicht wissend, ob er aus der Küche stammte oder ob es sich um ein Traumgebilde handelte.

Eines Tages – es war mein Geburtstag und für den Abend hatten sich Gäste eingeladen – putzte ich die Küche und bereitete etwas zu Essen vor. Während ich in der letzten Zeit vermieden hatte, dem Schrank auch nur einen Blick zu schenken, stieß ich dabei aus Versehen gegen die Außenwand. Die Tür öffnete sich dabei einen Spalt breit, sie musste schon seit einiger Zeit unter Druck gestanden haben, und der Inhalt ergoss sich über mich wie ein Wasserfall. Ich hatte vergessen, wie viele Tupperdosen ich dort angehäuft hatte. Es kam mir vor, als hätten sie sich in der Zwischenzeit vermehrt und drängten nun aus ihrer Brutstätte hervor wie grausige Insekten. Ich schrie und versuchte, sie abzuschütteln, verteilte sie dabei in der ganzen Küche, im ganzen Haus. In diesem Augenblick klingelte es an der Tür. Die ersten Gäste waren gekommen. Ich schämte mich für das Chaos, die Gestank, den unaufgeräumten Schrank. Panisch, als hinge mein Leben davon ab, stopfte ich den Inhalt zurück in sein Fach. Als ich mit Gewalt alles zurück an seinen Platz gepresst hatte, merkte ich, dass der Schrank nicht mehr zugehen wollte. Konnte es sein, dass sich die Büchsen im Innern vermehrt hatten? Eine andere Erklärung hatte ich nicht. Mit der Kraft der Verzweiflung drückte ich die Schranktür zu und schloss sie ab. Der Schlüssel fühlte sich heiß in meiner Hand an, verbrannte mir die Handfläche. Ich warf ihn mit letzter Kraft aus dem Fenster, in den Garten, irgendwo in die Dunkelheit.

Die Gäste gratulierten mir zum Geburtstag, ich lächelte und bis heute weiß niemand von meinem hässlichen Geheimnis.

Am nächsten Morgen, beim Aufräumen, fand ich unter der Spüle eine kleine Tupperbüchse. Ich hatte sie wohl am Abend übersehen. Der Schrank war nun für alle Zeiten verriegelt, dorthin konnte sie nicht zurück. Doch wenn wieder Gäste kämen – wie sähe es aus, wenn der Schrankinhalt einfach lose im Zimmer herumläge? Ich beschloss, sie in meine Jackentasche zu stopfen. Im Laufe der nächsten Tage fand ich mehr und mehr Büchsen, die sich lose überall im Haus verteilt hatten. Bald war es schwierig, immer neue Verstecke finden zu müssen. Ich wurde sehr müde. Es strengte mich ungemein an, immer auf der Hut zu sein, immer zu lauschen, ob sich im Schrank etwas regte. Ich war mir manchmal sicher, dort Nachts ein Rascheln und Rumpeln zu hören. Einmal vernahm ich auch ein gluckerndes Geräusch, als Gäre dort etwas Grausiges vor sich hin. Ich lebte in ständiger Angst davor, dass der Verwesungsgeruch zurückkäme. Manchmal war ich mir sicher, dass auch außerhalb des Schrankes immer wieder neue Brotdosen auftauchten, die ich noch nie gesehen hatte.

Ich wünsche mir oft, ich hätte den Schrank aufgeräumt, als noch Zeit dafür war. Manchmal träume ich davon, ihn hochzuheben und mit aller Kraft zu schütteln, in der Hoffnung, dass sich die Tür dadurch wieder öffnen würde. Ich träume davon, ihn mit einer Axt zu zerhacken und den Inhalt zu verbrennen. Ich phantasiere, wie ich das Schloss aufbreche und ein für alle Mal all die Büchsen und alles andere, was sich dort angesammelt hat, auf den Müll zu bringen und mich davon zu befreien. Doch es scheint aussichtslos.

 

 

Ich wünschte, ich hätte den Schlüssel nicht weggeworfen.

 

 

 

 

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