Warum hab ich heute noch nicht die Welt gerettet? [Stories from Therapy]

Da sitze ich nun und frage mich, zu was ich nütze bin. Ich lebe vor mich hin und das Leben war gut zu mir in der letzten Zeit, wirklich gut und ich bin glücklich, oder? Ich sitze auf meinem Balkon und höre den Vögeln zu, dabei trinke ich eine Tasse Kaffee und um mich herum wachsen all die Blumen, die ich monatelang mit Liebe gezüchtet habe, die Tomatenpflanzen, die schon Blüten tragen, die Zwiebeln, die ich von Zeit zu Zeit in meinen Salat schneide. Später fahre ich zur Arbeit und tue etwas, das nicht besonders gut bezahlt wird, doch ausreicht, um mein Leben zu finanzieren und viel wichtiger, ich tue es mit Leidenschaft und es macht mir Spaß. Und plötzlich ist da diese Stimme, die immer noch nicht weiß, ob das gut genug ist. Sollte ich nicht etwas anderes tun? Mehr Geld verdienen? Erwachsener sein? Heiraten und Kinder, das wäre auch an der Zeit, die Verwandtschaft fragt schon. Ich denke, ich sollte auch uneigennütziger sein, vielleicht etwas Geld spenden, mehr Geld verdienen, um es spenden zu können, eigentlich geht es mir doch auch viel zu gut, oder? Darf es mir denn so gut gehen, ist das in Ordnung, wenn es vielen Menschen so schlecht geht? Und wenn so viele Kinder hungern, darf ich dann einen vollen Kühlschrank haben? Überhaupt, bin ich nicht sowieso viel zu dick geworden, hab mich gehen lassen? Ich fühle schon das Fett an meinem Körper, zentnerschwer. Vielleicht wäre es besser, nicht mehr zu essen und überhaupt, ich glaube, ich schlafe auch zu viel. Ich sollte die Zeit lieber dazu nutzen, mich selbst zu optimieren, Gutes zu tun, für mehr Gerechtigkeit sorgen. Ich bin weiß, gebildet, privilegiert – damit bin ich verantwortlich für all die Ungerechtigkeit auf der Welt, Kriege, Klimakatastrophen und globale Erwärmung, oder? Ich bin verantwortlich dafür, dass Menschen obdachlos sind, dass Massentierhaltung geschieht (schließlich war ich noch nicht als Kind Veganerin) und ich denke wirklich, dass ich zugenommen haben könnte, plötzlich ist dieser Bauch, der da an mir dranhängt, kaum auszuhalten, warum haben Menschen überhaupt Bäuche, in die sie gierig Dinge reinstopfen, das braucht doch keiner … die Bäuche und die Gier sind doch Schuld am ganzen Unrecht.

Eben ging es mir noch gut, aber ich glaube, das geht vielleicht nicht, das darf nicht sein, oder? Ich bin verunsichert. Es ist blöd, traurig zu sein, ich will nicht traurig sein, niemand mag traurige Menschen, oder? Ich denke, ich sollte meinen Marktwert erhöhen, mich mal wieder so richtig schön anziehen, die Schminke auftragen, die ich seit Wochen nicht mehr benutze, die hohen Schuhe, die meinen Füßen wehtun, aber was ist schon dieses bisschen Schmerz, oder? Mein Mittagessen lasse ich stehen, das gönne ich mir später, wenn ich genug dafür gearbeitet habe, Menschen geholfen habe, etwas Wertvolles zum Wohl der Gesellschaft beitragen konnte, wenn ich 10 Kinder bekommen habe und ein Haus gebaut, wenn kein Tier mehr leiden muss und wenn es endlich Weltfrieden gibt, das klingt fair, oder? Dagegen ist mein bisschen Alltagsglück doch ein Bauernopfer.

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manchmal denke ich, dass ich glücklich bin. und trotzdem traurig, weil ich glücklich bin. oder vielleicht hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. und vielleicht bin ich einfach so traurig und glücklich zugleich. und vielleicht hat das gar keinen grund. wer kann das schon wissen und warum sollte man das auch. warum kann das gefühl nicht heute einfach da sein und der kopf aus. ich trinke mein glas aus, lege mich ins bett und denke, wie seltsam es doch manchmal ist, so lebendig zu sein, wie seltsam und traurig und schön.

 

einmachglas

ich will festhalten was

man nie halten konnte will

den himmel einfangen im

stundenglas den schmetterling

auf der schulter den krokus

im kühlschrank

besser erfrieren als

alt werden

sagt das eichhörnchen, das

keinen vorrat für den winter hat

man das schon einmal gehört,

dass ein eichhorn den winter leugnet?

Barfuß (Stories from Therapy)

 

nature bird red winter

Ich sage, dass du mich nicht anschreien sollst, du schreist: „Es ist nicht meine Schuld!“ Ich denke, dass die Gräser grün und saftig aussehen und ich wünschte, du könntest sehen, wie wunderschön und blau der Himmel ist, fühlen, dass die Gräser meine Füße kitzeln, so sehr, dass sie pieken, dass sie manchmal weh tun, obwohl ich das gut finde, schreist du: „Es ist nicht meine Schuld, dass das Gras in deine Füße sticht, warum ziehst du keine Schuhe an?!“

Früher gingen wir oft in die Berge. Du: Groß, mit schweren Stiefeln und einem Panzer gegen die Witterung. Ich: Leicht, barfuß, mit dünner Haut. Ich liebte dieses Gefühl, den Wind so sehr spüren zu können, dass ich fast weggeweht wurde, er an den luftigen Kleidern zerrte, am langen Haar. Es war stets ein gefährliches Spiel, doch es war ein Spiel, das mich lebendig machte und so, wie Motten vom Licht angezogen werden, wollte ich leben, auch wenn es mich verletzte, auch wenn ich so sehr an dich gebunden war und du dich immer schützen musstest, mich schützen musstest, ohne zu merken, dass du uns beide erdrücktest.

Es war ein Spiel, bei dem jeder Schritt zu einem Balanceakt wurde, präzise gesetzt werden musste. Es durfte keine Fehler geben, ich musste stets den perfekten Grad an Leichtigkeit finden, bevor die Füße den Boden verloren, obwohl ich mir insgeheim genau das manchmal wünschte und ich spürte, dass ich manchmal ein klein wenig abhob, bevor jemand mich zurück nach unten ziehen konnte, ich wünschte mir oft, dieser jemand wärst du gewesen. Doch das warst du nie und dafür liebte und hasste ich dich zugleich. Ich wollte deine Worte nicht mehr hören, denn du hast einmal gelogen, als es darauf ankam und ich weiß nicht mehr, wie ich mein Vertrauen zurückerlangen kann.

Manchmal denke ich, dass ich auch gern einfach schreien würde, so wie du. Doch dann begreife ich, dass ich niemals die richtigen Worte finden kann. Dass ich im Grunde nie wissen werde, was genau ich eigentlich sagen wollte. Der Schrei bleibt mir im Halse stecken und es wäre besser, er würde sich dort nicht festsetzen. Er findet keine Gestalt und ich wünschte, du würdest nicht immer schreien, denn der Schrei würgt mich und ich finde meinen Atem nicht.

sommernacht

ich werde gehalten von 2 ästen

die ihre köpfe neigen im wind

wo die sonne hingeht, liebster,

fragtest du,

wenn tage wie diese

endlos sind

 

und ich umarme

mit allen armen

das stachelschwein

den igel an der brust

 

geb dem kaktus einen kuss

und dir den kaktus;

eine feuerqualle,

das leben,

das ich lieben muss

die himmelsleiter

die wolken aus glas

die augen aus träumen

wir schliefen im gras

wir lebten auf bäumen

wir küssten die sonne

und liebten den mond

wir haben die täler

und berge bewohnt

 

das leben geht weiter

und weiter und weiter

hoch hinaus auf der

himmelsleiter

 

ich kann nicht mehr sagen,

was ich damals empfand

all deine spuren verlaufen

den sand

all meine gedanken trocknet

der wind sodass

wir für immer

verewigt sind

sommernacht

die krähe im park

die kröte am see

ich vermiss dich

und ich versteh

nicht warum freiheit

die brust so eng werden lässt

 

ich krächze und quake

ich jammere und lache

wie eine irre

ein verrücktes tier

 

wäre es anders,

wärst du jetzt hier?